
Lüneburg
MIA - Migrantinnen ins Arbeitsleben begleiten

Bereit sein zu arbeiten und zu lernen, motiviert sein einen Beruf zu ergreifen – kurzum: etwas erreichen wollen! Das ist es, was von den Teilnehmerinnen des Projektes MIA erwartet wird. „Wenn diese Einstellung bei den Frauen vorhanden ist, nehmen wir sie auf“, erklärt Betriebsleiter Matthias König.
Denn gegen Unlust und Verweigerung können er und sein Team nichts ausrichten. Bei anderen Problemen, die den Sprung auf den Arbeitsmarkt verhindern, wie Analphabetismus, traumatische Erlebnisse oder fehlende Hilfe bei der Kinderbetreuung, können sie helfen - und tun es auch.
MIA steht für „Migrantinnen ins Arbeitsleben begleiten“, ist ein Berufshilfeprojekt der AWOCADO Service gGmbH in Lüneburg und auf Anregung des Jobcenters und der Sozialämter von Hansestadt und Landkreis Lüneburg 2023 gestartet. „Sie wünschten sich ein Angebot für langzeitarbeitslose Migrantinnen und arbeitslose Frauen mit Fluchthintergrund“, erinnert sich Matthias König. Die AWOCADO Service gGmbH war der richtige Ansprechpartner für sie, da diese schon auf über 20 Jahre Erfahrung als Berufshilfeträger zurückblicken kann.
Die Teilnehmerinnen kommen über das Jobcenter, den Landkreis oder die Hansestadt. Manche machen sich aus eigenem Antrieb auf den Weg und einige findet die AWO in ihren zahlreichen Beratungsangeboten. „Wenn eine Teilnehmerin zu uns kommt, führen wir erstmal ein Info-Gespräch, zeigen ihr die Räume, stellen ihr die Pädagogen vor und laden sie zu einem Probetag ein. Dann entscheidet sie, ob sie dabeibleiben möchte.“
Insgesamt 19 Plätze stehen für Interessierte bereit.
In den ersten zwei Wochen nehmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich Zeit, um die Frau kennenzulernen. „Auf diese Weise finden wir heraus, wo sie Bedarfe hat, sowohl was die berufliche Qualifikation angeht, als auch im sozialen Bereich. Was bringt sie mit? Wobei braucht sie Hilfe? Wie ist ihre aktuelle Situation?“ Dann werden die Ziele formuliert und ein individueller Lehrplan für jede Teilnehmerin erstellt.
Matthias König ist dankbar für diese Flexibilität, die durch die Förderung von RIKA möglich wird. „Es gibt Frauen, die sind so stark belastet, dass an die Aufnahme einer Arbeit noch gar nicht zu denken ist. Die könnten niemals ein starr vorgegebenes Programm durchlaufen, weil sie erstmal in den Beratungen stabilisiert werden müssen, bevor sie den nächsten Schritt machen.“
Erfahrungen in der Praxis sammeln
Wenn eine Teilnehmerin soweit ist, geht es in die Praxis, die einen Schwerpunkt bei MIA bildet. „Wir haben drei Bereiche, in denen die Frauen sich qualifizieren können: Gastronomie, Bäckerhandwerk und sozial-wirtschaftliche Assistenz. Der erste Bereich ist verpflichtend, die anderen beiden optional.“
Was jedoch alle gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass in diesen Berufsfeldern händeringend Arbeitskräfte gesucht werden. „So haben die Frauen gute Chancen, im Anschluss an das Projekt einen Job zu finden.“ Was ihre Chancen noch verbessert, sind die anerkannte Zertifikate, die sie am Ende erhalten.
Frauen, die an MIA teilgenommen haben, sammeln Erfahrungen im Bereich Gastronomie unter realen Bedingungen, denn die AWOCADO Service gGmbH betreibt zwei Einrichtungen: „Zum Hägfeld“ und das „kaffee.haus“. „Sowohl im Service als auch in der Küche sind die Frauen eingebunden. Dabei können sie drei Qualifizierungsbausteine erwerben, die dem ersten Lehrjahr der Ausbildung Fachkraft im Gastgewerbe gleichgestellt und von der IHK anerkannt sind.“
Doch selbst wenn eine Frau merke, dass dieser Beruf nicht zu ihr passe, sei die Zeit nie verschwendet. „Sie lernt wichtige Fähigkeiten, die sie später im Arbeitsleben braucht, wie Pünktlichkeit oder den Kontakt zu Kunden. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie Teilnehmerinnen Fortschritte machen, selbstbewusster werden und regelrecht aufblühen“, schwärmt Matthias König.
Kleine Dinge mit großer Bedeutung
Das können auch Ann-Sophie Maronde und Katharina Bonin bestätigen, die als pädagogische Mitarbeiterinnen die Frauen durch das Projekt begleiten. „Wenn Teilnehmerinnen bei uns anfangen, sind sie meist sehr schüchtern. Viele kommen direkt aus der Familienzeit, manche haben noch nie zuvor einen Beruf ausgeübt, sprechen wenig oder gar kein Deutsch. Da kostet es große Überwindung im Service zu arbeiten, mit Gästen zu sprechen oder zu telefonieren. Doch viele wachsen schnell über sich hinaus und freuen sich über ihre Erfolgserlebnisse. Oft sind es die kleinen Dinge des Alltags, die für sie große Bedeutung haben.“
Die Frauen nähmen das Projekt ernst und freuten sich, rauszukommen, Struktur zu haben und auch Wertschätzung zu erfahren. „Sie unterstützen sich gegenseitig und entwickeln Verständnis füreinander, weil sie oft ähnliche Dinge erlebt haben und in der gleichen Situation sind.“
Die Theorie, die für das jeweilige Berufsfeld benötigt wird, vermitteln die Pädagogen direkt vor Ort. „Diese Nähe zur Praxis macht es für viele Frauen leichter, zu verstehen, was von ihnen verlangt wird. Manchmal geht es mit Hand und Fuß, manchmal mithilfe einer Übersetzungs-App – aber irgendwie geht es immer!“ Zurzeit sind im Projekt Frauen aus Afghanistan, Iran, Irak, Georgien, der Ukraine und der Elfenbeinküste.
Auf in den Betrieb!
Die Teilnehmerinnen kommen an fünf Tagen in der Woche, jeweils vier bis fünf Stunden am Vormittag, da viele von ihnen Kinder zu betreuen haben. Wie sich ihr Stundenplan dann zusammensetzt, hängt ganz von der einzelnen Teilnehmerin und ihren Fähigkeiten ab, davon, was sie braucht und wo sie noch Unterstützungsbedarf hat. „Zu der sozialen Beratung, in der über Probleme gesprochen wird, und dem Theorie- und Praxisunterricht, bei dem sich alles um den Beruf dreht, gibt es auch noch das Kompetenztraining. Dort werden arbeitsmarktrelevante Fähigkeiten vermittelt, wie fachbezogenes Deutsch oder digitale Kompetenzen.“
So kann es passieren, dass eine Frau an einem Tag erstmal zwei Stunden eine Qualifizierungseinheit im Gastro-Bereich absolviert, anschließend beim Kompetenztraining übt eine E-Mail zu verfassen, und anschließend noch in eine Beratung geht.
Wenn diese Phase abgeschlossen ist, geht es in die betriebliche Erprobung. „Das können Praktika sein oder Hospitationen. Es geht darum, konkrete Jobs ins Auge zu fassen“, erläutert Matthias König. Anschließend steht Bewerbungstraining und die Vermittlung in den Arbeitsmarkt auf dem Programm. Dazu organisiert AWOCADO Job-Casting-Days, zu denen regionale Akteure eingeladen werden und bei denen auch ein Speed-Dating zwischen Personalverantwortlichen und den Frauen stattfindet.
Doch auch wenn eine Teilnehmerin einen Job findet, begleitet das Team von AWOCADO sie noch eine Weile, um sicher zu gehen, dass sie in ihrem neuen Umfeld gut ankommt und Wurzeln schlagen kann. „Für ein paar Wochen kommen wir regelmäßig in die Betriebe und führen Gespräche mit der Frau und ihren neuen Arbeitgebern. So können mögliche Probleme oder Missverständnisse schnell ausgeräumt werden.“
MIA: Arbeit und Familie
Hat sich alles gut eingespielt, führen die Pädagogen noch ein Abschlussgespräch mit ihren Klientinnen und geben ihnen Kontaktadressen, damit diese wissen, wohin sie sich wenden können, wenn der Schuh nochmal drücken sollte.
Wie lang jede Frau am Projekt teilnimmt, ist – wie die Stundenpläne - so individuell verschieden, wie die Frauen selbst. „Manche finden schon nach kurzer Zeit selbstständig eine Arbeit, manche brauchen ein Jahr, bis sie soweit sind, sich in der Praxis auszuprobieren. Immer mal wieder werden Plätze frei und neue Teilnehmerinnen kommen hinzu. Wir haben eine hohe Fluktuation.“
Für die Frauen ist MIA mehr als ein Projekt. „Sie sagen, es sei ihre Arbeit, aber auch Familie“, erzählt Katharina Bonin. „Wir bieten ihnen einen geschützten Rahmen, in dem sie sich ausprobieren und entwickeln können.“
Aus diesem Grund hoffen Matthias König und sein Team, dass MIA auch in Zukunft eine Förderung erhält. „Selbst, wenn wir nicht jede Frau in Arbeit bringen können – aber ihr auf ihrem Weg weiterhelfen und ihr Leben positiv verändern, das können wir immer!“
Stimmen der Teilnehmerinnen
Und was sagen die Teilnehmerinnen selbst? Zarmina Hafezi aus Afghanistan bestätigt, dass das Projekt ihrem Alltag eine positive Wendung gegeben habe. Die Zeit, in der sie zuhause zum Warten auf den Beginn ihres Sprachkurses verdammt war, habe ihr „nicht gut“ getan. „Ich liebe es, zu arbeiten“, verrät die 55-Jährige. Darum habe sie bei MIA mitgemacht. Zudem wollte sie lesen und schreiben lernen. Ihre Erwartungen seien nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen worden. „Alle Mitarbeiter sind sehr nett zu uns.“
Auch Nabounou Soumahoro von der Elfenbeinküste lobt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie nehme aus dem Projekt besonders deren Freundlichkeit mit. „Sie kümmern sich gut um uns. Sie müssen nicht, Sie sind nett. Das ist viel mehr wert als Geld“, findet die 36-Jährige.
Für Fahima Hussein Ali stand von Anfang an fest, warum sie bei MIA mitmachen will. „Ich möchte einen Job finden!“, erklärt die 36-jährige aus dem Irak. Das Projekt gefällt ihr: „Man unterhält sich mit Menschen und sammelt Erfahrung in der Küche. Das hilft vielleicht, um einen Job zu finden.“
Olena Holden aus der Ukraine wollte sich beruflich neu orientieren und kam deswegen zu MIA. Die 44-Jährige möchte gern eine Teilzeitstelle finden und mehr Deutsch sprechen. „Ich habe viel gelernt und empfehle das Projekt für anderen Frauen“, sagt Olena Holden. „Ich kann nur für mich selbst sprechen, aber es gefällt mir hier, weil ich gut behandelt werde und ich sogar Leute getroffen habe, die mich jetzt mögen. Ich habe vorher nicht mit vielen Leuten kommuniziert, weil ich mit meinen Freunden in der Ukraine in Kontakt blieb. Ich kannte nur meine Nachbarn, Leute aus den Kursen. Über das Projekt habe ich Anschluss gefunden.“
Auch Fahima Hussein Ali gibt eine klare Empfehlung: „Zuhause ist es immer langweilig ist, wenn man keine Arbeit hat. Man denkt immer über die Arbeit nach.“
Kiria Shhapi aus Syrien schätzt vor allem die gute Laune in der Küche. „Viele Leute werden zu Freunden. Es ist schön, zusammen zu arbeiten, zu lachen und Spaß zu machen.“ Die 57-Jährige genießt das Deutschtraining und das Zubereiten von Salaten. Doch neben den vielen positiven Begegnungen, hat sie auch einen ganz persönlichen Feind in der Küche ausgemacht: „Ich hasse die Spülmaschine!“
In aller Kürze:
Das Projekt „MIA - Migrantinnen ins Arbeitsleben begleiten“ besteht seit 2023. 19 Frauen können gleichzeitig daran teilnehmen. Träger ist die AWOCADO Service gGmbH in Lüneburg.
Kontakt
Möchten Sie mehr wissen? Weitere Informationen finden Sie auf der Website der AWO Regionalverband Lüneburg/Uelzen/Lüchow-Dannenberg.
