15 Jahre Ko-Stelle Nienburg!

Vor 17 Jahren hat die Frau ihren Beruf aufgegeben, um sich um Kinder und Haushalt zu kümmern. Ihr Mann ging Vollzeit arbeiten und finanzierte das Leben der Familie. So war es zwischen beiden abgesprochen gewesen, darauf hatte sich die Frau ebenso verlassen, wie auf das Ehegelöbnis ihres Mannes.
Doch dann lernte dieser eine andere Frau kennen und von einem Tag auf den anderen wurden beide Versprechen gebrochen. „Sie befand sich in einer für sie ausweglosen Situation“, erinnert sich Catrina Lohmeyer, eine der beiden Projektleiterinnen der Koordinierungsstelle frau+wirtschaft Landkreis Nienburg. „Sie saß bei uns in der Beratung und war völlig verzweifelt, weil sie sich nicht vorstellen konnte, nach all der Zeit noch einmal in einen Beruf zurückzufinden.“
Die Mitarbeiterinnen der Ko-Stelle sind mit der Frau einen langen Weg gegangen, haben sie unterstützt, ihr immer wieder Mut gemacht. Heute hat sie eine Arbeit und ein neues Leben für sich gefunden.

Geschichten wie diese, gibt es mittlerweile zahllose, denn die Ko-Stelle im Landkreis Nienburg wird in diesem Jahr 15 Jahre alt. Tränen und Freude liegen im Arbeitsalltag der drei Mitarbeiterinnen häufig nahe beieinander. Hinweise darauf gibt schon die Einrichtung des Beratungsraumes: Auf der Fensterbank steht immer eine Box mit Taschentüchern bereit. Doch an der Wand gegenüber hängt auch ein Bild, auf dem Pippi Langstrumpf ihr Pferd in die Höhe stemmt und verkündet: „Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe!“
Die Botschaft ist klar: Hier gibt es Raum, um über die aktuellen negativen Gefühle zu sprechen, um so Platz für neue, positive zu schaffen und wieder mit Mut in die Zukunft zu blicken.

"Wir begannen quasi bei null!"
Projektleiterin Katrin Fedler ist seit 2015 an Bord und damit die „Dienstälteste“. „Ich war in derselben Situation wie viele Frauen, die zu uns kommen. Ich hatte mein drittes Kind bekommen und wollte wieder anfangen zu arbeiten.“
Zu diesem Zeitpunkt hatte die Koordinierungsstelle bereits mehrere personelle Wechsel erlebt, so dass keine Strukturen hatten wachsen können. Kurzum: Als Katrin Fedler und ihre damalige Mitstreiterin ihre Arbeit aufnahmen, mussten sie mehr oder weniger bei null beginnen. „Was soll eine Koordinierungsstelle überhaupt sein? Wie lange sollen die Seminare dauern? Wann wollen wir sie anbieten? Brauchen wir eine Kinderbetreuung?“ Solche und viele andere Fragen wollten beantwortet werden.
„Wir haben sehr viel ausprobiert, bis wir das Richtige für uns gefunden haben“, berichtet Katrin Fedler. Und die Mühe hat sich gelohnt: „Am Anfang boten wir nur ein eigenes Seminar bei uns im Haus an. Alle anderen kamen von der Volkshochschule und anderen Einrichtungen. Heute sind es rund 70 Seminare und Informationsveranstaltungen.“

Doch auch für die Außenwirkung der Ko-Stelle musste dringend etwas getan werden. „Als wir anfingen, kannten uns der Landrat und zwei weitere Mitarbeitende der Verwaltung.“ Mittlerweile verfügen Katrin Fedler und Catrina Lohmeyer über ein riesiges Netzwerk von Kooperationspartner*innen im ganzen Landkreis, fühlen sich gut eingebunden und erfahren viel Wertschätzung für ihre Arbeit.

Manche Dinge ändern sich nie
Doch was ist mit ihren Teilnehmerinnen? Gab es dort auch eine starke Veränderung? „Eigentlich nicht“, finden die beiden Projektleiterinnen. „Nach wie vor kommen Frauen jeden Alters und in verschiedenen Lebenslagen: Manche haben gerade eine Ausbildung gemacht, andere stehen schon vor der Rente. Manche sind seit 20 Jahren aus dem Beruf raus, einige befinden sich noch in der Elternzeit und erkundigen sich bereits nach einer neuen Arbeitsmöglichkeit. Manche wissen genau, was sie wollen, andere benötigen einen kleinen Schubs. Einige Frauen kommen nur einmal, andere betreuen wir über Jahre.“ Allerdings haben die Beraterinnen heutzutage öfter mit Frauen zu tun, die unter physischen oder psychischen Erkrankungen leiden. „Die Gemengelage ist komplexer geworden.“

Was sich leider nicht geändert habe, sei die Tatsache, dass noch immer Frauen die meiste Care-Arbeit übernehmen. „In der Beratung fällt nach wie vor oft der Satz: ,Mein Mann kann nicht helfen‘.“ Auch klagen viele Frauen über die mangelnde Anerkennung in der Elternzeit sowie fehlende Kita- und Krippenplätze.

2017 machte Katrin Fedler eine Coaching-Ausbildung, wodurch sich das Beratungsangebot veränderte. „Bis dahin war das eine reine Beratung mit Fragen und Antworten. Nach der Ausbildung habe ich angefangen, Gegenfragen zu stellen und so die Frauen zu Expertinnen für sich selbst zu machen. Das macht das Ganze dann manchmal sehr emotional, aber auch nachhaltiger.“
Das treffe auch auf die Seminare zu, ergänzt Catrina Lohmeyer. „Es sind oft kleine Gruppen bis zu 12 Teilnehmerinnen. Die Frauen fühlen sehr schnell Verbundenheit untereinander und dann fließen auch mal Tränen. Es wird aber auch viel zusammen gelacht und es entstehen Freundschaften.“

Erfolgserlebnisse, die motivieren
Zu sehen, wie ihre Teilnehmerinnen aufblühen, wieder Mut schöpfen und ihr Leben gestalten, gehört zu den schönsten Aspekten ihrer Arbeit und lässt sie auch nach all den Jahren für die Ko-Stelle brennen. „Ich erinnere mich an eine zweifache Mutter, die eigentlich Bauzeichnerin war, aber in einem Job gelandet war, der sie sehr unglücklich machte“, erzählt Katrin Fedler. „Ich habe sie bestärkt, es nochmal als Bauzeichnerin zu versuchen, aber vorher ein Praktikum zu machen. Dort wurde sie dann übernommen und bildete sich weiter. Später sagte sie zu mir: ,Ohne dich hätte ich mich das nie getraut´“.
Auf ihrer Infomobiltour, die die beiden Mitarbeiterinnen jedes Jahr durch die Gemeinden des Landkreises führt, treffen sie viele von ihren ehemaligen Teilnehmerinnen wieder. „Sie kommen dann zu uns und sagen zu den Umstehenden: ,Das sind die, die mir geholfen haben´“, erinnert sich Catrina Lohmeyer und lacht.

Natürlich gäbe es auch Frauen, mit denen die Zusammenarbeit nicht funktioniere, weil sie die Erwartung hätten, die Ko-Stelle würde ihnen eine neue Arbeitsstelle auf dem Silbertablett liefern. Doch diese seien eine Seltenheit.  „Wir merken im Gespräch auch schnell, ob eine Frau überhaupt schon so weit ist, oder ob sie eher von ihrem Umfeld gedrängt wird wieder zu arbeiten, obwohl sie das noch gar nicht möchte.“

Was Catrina Lohmeyer und Katrin Fedler hingegen immer noch etwas ratlos zurücklässt, ist die Aussagen einiger Frauen, wenn sie von der Ko-Stelle hören: „Ich wusste gar nicht, dass es sowas gibt!“
Dabei tummeln sich die beiden nicht nur fleißig auf Social Media, arbeiten mit sämtlichen Einrichtungen zusammen und schalten Anzeigen in der Zeitung, sondern besuchen auch Flohmärkte, Stadtteilfeste und Messen. „Wir sind eigentlich sehr präsent und viel läuft auch über Mundpropaganda. Einen großen Zuwachs an Followern haben wir auch über das Projekt ,Mutmacherinnen‘ gewonnen.“ Trotzdem fehlt nach wie vor die feste Verankerung der Ko-Stelle in den Köpfen und das Wissen, dass dort der kostenlose Anlaufpunkt für alle Frauen ist, wenn es um das Thema Beruf geht.

Wünsche für die Zukunft
Mit einem Tag der offenen Tür zu ihrem 15-jährigen Bestehen hoffen die Mitarbeiterinnen der Ko-Stelle, sich noch ein wenig bekannter zu machen.
Doch was sind ihre Wünsche für die Zukunft? „Eine sichere Finanzierung der Ko-Stelle und unbefristete Verträge“, sagt Catrina Lohmeyer. „Außerdem würden wir gern mehr Zeit in die Arbeit mit den Frauen investieren, statt in Bürokratie.“
Zudem hoffen sie und Katrin Fedler, dass das Alleinerziehenden-Café in seiner neuen Form ANNie (AlleinerziehendenNetzwerkNienburg) gut angenommen wird. Ab 2025 findet es nun auch mittwochs statt.
Für die Frauen im Allgemeinen wünschen sich die beiden Beraterinnen mehr Selbstvertrauen. „Am schönsten wäre es, wenn wir irgendwann überflüssig wären“, meint Katrin Fedler schmunzelnd.

Gefördert durch: Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Kofinanziert von der Europäischen Union